Nach dem Rauswurf von der Offiziersschule wurde ich vorübergehend wieder in Stolberg/Harz sesshaft. Der SED-treue Bürgermeister hatt mich ins Rathaus geladen. Dort saßen mir wieder – im Stile von Angeklagter und Richter – die
Repräsentanten des Machtapparates gegenüber. Auf der einen Seite der Bürgermeister und der „Abschnittsbevollmächtige der Volkspolizei“ [wir nannten ihn damals „Dorf-Sheriff“] und auf der anderen ich.
Die gewollte Platzierung war „DDR“-typisch. Auf diese Weise fühlten sich die Handlanger der Arbeiter- und Bauerndiktatur stärker und dominanter. Sie gaben mir zu erkennen, dass sie über den Inhalt meiner Kaderakte informiert seien und an mich als jungen, militärisch sehr gut ausgebildeten Bürger der Stadt gewisse Erwartungen hätten. Als zum Feldwebel der NVA herabgestufter Beinahe-Offizier sei ich doch dafür prädestiniert, ab sofort meine aktuellen militärischen Erfahrungen durch meinen Beitritt in die Kampfgruppen der Arbeiterklasse weiter zur Verfügung zu stellen und an die jungen Genossen weiterzugeben. Dass ich verbotenerweise auf der Gitarre Musik des Klassenfeindes gespielt habe, könnte ich übrigens jetzt in nützlicher Weise wieder gutmachen.


Foto: Eigen
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Darauf war ich nicht gefasst. Sie wollten mich schon wieder vereinnahmen. Hätte ich auf stur stellen sollen, um diesem Kasperletheater zu entgehen? Ich war mir nicht sicher. Was konnte schon passieren, wenn ich ja sagte? Um im Ort nicht negativ aufzufallen, erklärte ich mich einverstanden.
Zwei Wochen nach dem Empfang der kostenlosen Kampfgruppenuniform trudelte die erste schriftliche Einladung zu einer Kampfgruppenübung ins Haus. Mit etwa 25 uniformierten Teilnehmern, von denen ich die Mehrheit aus dem Ort kannte, fuhren wir zu einer Waldhütte. Eine Kampfgruppenuniform hatte man mir bereits in die Wohnung gebracht, so dass ich nicht wie ein Außenseiter aussah.
Einmal geschlossen antreten, einen pseudomilitärischen Gruß absetzen und wegtreten. Danach händigte man uns Waffen ohne Munition aus. Waffenputzen war angesagt. Rauchend und in gemütlicher Runde schwatzend wurden Waffen gereinigt und tiefliegende Herrenwitze erzählt. Ich ging davon aus, dass dann der ernstere Teil der Übung anlaufen würde und plante mit einem Blick auf meine Armbanduhr noch mehrere Stunden ein.
Die gereinigten Waffen wurden wieder eingesammelt. Zwei ältere Kampfgruppenteilnehmer – im alltäglichen Leben Forstangestellte – holten nun aus der Waldhütte einen Grill, zauberten Würstchen aus ihrem Jeep und heizten vor. Ein anderer brachte aus seinem Wagen einen Kasten Bier, und wir stießen auf den gemütlichen Teil der Kampfgruppenübung an. So endete nach etwa zwei Stunden mein erster und zugleich letzter Einsatz bei den „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ in der „DDR“.

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